Kickstarter – Gefahr vor der potenziellen Gier der Crowdfunding-Unternehmen

Inzwischen dürfte jeder von Kickstarter gehört haben: Man hat eine Idee, schreibt was man machen will und wie viel man dafür braucht, am besten packt man bei höheren Beträgen noch ein paar Goodies wie T-Shirts, Mauspads oder ähnliches hinzu und schon hat man ein Kickstarter-Projekt. Anfangs gepriesen als Heilbringer diverser Industrien, kann man sich jetzt fragen, ob Kickstarter nicht (bald) von unabhängigen Spiele-Entwicklern und der filmschaffenden Zunft ausgenutzt wird.

Ein Paradies für Filme und Spiele?

Seit der Existenz der Crowdfunding-Plattform wurden laut Kickstarter etwa 42.000 Projekte finanziert. 4.2 Millionen User haben über $643 Millionen gespendet. Darunter waren erfolgreich finanzierte Projekte wie der stylische Grizzlybären-Mantel, ein Pizza-Museum in den USA oder sogar ein Open Source-Geigerzähler. Schaut man sich aber die Top 10 der finanzierten Projekte (nach Budget geordnet) an, fällt einem sofort auf, dass Videospiele und Filme deutlich dominieren.

KickstarterTop10(Quelle: Wikipedia)

Neben der Pebble Uhr (einer Smartwatch die nur in Verbindung mit einem Android oder iOS-Smartphone funktioniert) und der Ouya (einer auf Android-basierenden Open-Source-Spielekonsole mit Controller), wurden zudem 4 Videospiel-Projekte finanziert. Hierbei ist Double Fines “Double Fine Adventure” besonders zu erwähnen, welches Ende März offiziell mit einem Trailer unter dem Namen “Broken Age” vorgestellt wurde. Es sollte im 2. Quartal 2013 erscheinen, wurde aber auf September verschoben.

Man könnte schon fast sagen, dass Double Fines Adventure den Weg für Videospiel-Kickstarter-Projekte geebnet hat. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden nur kleinere Projekte finanziert, aber die meisten Millionen-Projekte wurden erst danach erfolgreich gefunded, wie man hier sehen kann. Das ist wohl zum größten Teil Tim Schäfer zu verdanken, der in der Vergangenheit bereits für die ehemalige Spieleschmiede LucasArts für berühmte Point-and-Click-Adventures wie zum Beispiel Monkey Island und Maniac Mansion verantwortlich war und den Hype angetrieben hat. Das Projekt nahm etwas mehr als das 8-fache der eigentlich gefragten Summe ($3.336.371 von $400.000) ein.

Bis zu diesem Zeitpunkt gab es auch kein größeres Problem, nur stellte Double Fine diese Woche ein weiteres Kickstarter-Projekt namens “Massive Chalice” vor, einem rundenbasierten Strategie-Spiel inspiriert von Titeln wie Final Fantasy Tactics, Fire Emblem oder dem neuen XCOM: Enemy Unknown.

Gib einem Mann einen Fisch…

Es kommen nun so einige Stimmen auf, dass das Studio gierig werden könnte, denn anstatt erst das eine Spiel zu veröffentlichen und mit dem eingenommenen Geld das nächste Spiel zu finanzieren, wird sich wieder an Kickstarter gewandt und nach Geld gefragt. Auf dieses Problem geht Double Fine selbst auf sehr ironische Art und Weise in der Videovorstellung für “Massive Chalice” ein, spricht dies aber nicht weiter an und umgeht den Diskussionspunkt mit humoristischen Einlagen – zugegeben, der Trailer is schon sehr witzig gemacht!

Das Problem ist damit aber leider nicht gelöst. Ich würde behaupten, dass Kickstarter-Projekte wie Double Fines “Massive Chalice” keinem anderen Projekt Geld ‘wegnehmen’, jedoch muss man sich dabei im Klaren sein, dass man nicht weiß, was am Ende dabei rauskommen wird. Viele haben durch das Double Fine Adventure-Projekt den ersten Kontakt mit Kickstarter gehabt und erwarten dementsprechend auch Ergebnisse, daher kann es durchaus befremdlich wirken, dass Double Find schon wieder Geld will, aber noch keine Ergebnisse des ersten Kickstarters sichtbar sind.

Selbst wenn Double Fine (oder eine andere Firma) in Zukunft genügend Geld für ein neues Projekt zusammen bekommen sollte, wer sagt, dass nicht trotzdem ein Kickstarter-Projekt zur (Mit-)Finanzierung gestartet wird, um Kickstarter mehr oder weniger als Vorverkaufsstelle zu benutzen? Backer – also Leute, die ein Projekt finanziert haben – bekommen per Mail die Information, dass ein neues Projekt der gleichen Institution gestartet ist. Damit wird gleich Werbung in eigener Sache gemacht und das sogar ohne (anfangs) die Hilfe von (Online-)Medien oder Social Media in Anspruch zu nehmen.

Von DLC und Accessoires

So wie ein Mappack zu den Anfängen der DLCs für 5 Euro verkauft wurde, so werden diese jetzt für 10 oder 15 Euro verkauft. Und warum? Weil wir uns daran gewöhnt haben für Spieleinhalte mehr und mehr zu bezahlen. Erinnert sich noch wer an das allererste DLC für die Xbox 360? Richtig, das “Horse Armor”-DLC für “The Elder Scrolls IV: Oblivion”. 200 Microsoft-Points – umgerechnet ca. 2,50 Euro – für eine Pferderüstung, welche nichts anderes macht als das Aussehen des Pferdes zu verändern.

Inzwischen basieren ganze Free-to-Play-Spiele (prominentestes Beispiel: Dota 2) auf diesem Prinzip, dass alle Charaktere und Gegenstände ohne Bezahlung zur Verfügung stehen, aber kosmetische Veränderungen wie Rüstungen oder Waffen-Skins erkauft werden können, um sich beispielsweise vom 08/15-Spieler abzuheben. Im Gegensatz dazu werden heutzutage gut und gerne Inhalte aus der fertigen Version eines Spieles entfernt, um diese nach Release des Spiels als DLC zu kaufen. Den größten Aufschrei gab es beim DLC für “Street Fighter vs. Tekken”. Bereits zum Release waren die Daten aller 12 DLC-Charaktere auf der Spiele-Disc vorhanden, diese konnten aber erst Monate später per DLC freigeschaltet werden, der quasi nur einen Schalter umkippte und die Charaktere verfügbar machte.

Gut für die Industrie, schlecht für uns.

Das Spiel mit der Hoffnung

Um wieder auf Kickstarter zurückzukommen: Was anfangs vielleicht ein Segen für uns war, könnte sich noch als Fluch herausstellen. Kickstarter-Projekte spielen mit unserem Wunsch nach etwas, was es nicht gibt bzw. was wir gerne hätten. Sei es nun Firmen, die uns die nächste Revolution für unser Handgelenk (Pebble Smartwatch) vorstellen oder die ideale, günstige Spielekonsole (Ouya), wir bekommen bei solchen Versprechen meist nicht das, was wir uns vorgestellt haben, weil wir unsere Wünsche in diese Projekte hineinprojezieren. Während sich potenzielle Käufer eines Smartphones Tests durchlesen können, geht das bei einem Kickstarter-Projekt nicht. Man bekommt das, was man am Ende bekommt, selbst wenn es nicht das ist, was man sich vorgestellt hat.

Heißt das nun, dass man aufhören soll für Kickstarter-Projekte zu spenden? Nein, denn manche Projekte haben keine realistische Chance auf anderem Wege irgendwann das Licht der Welt zu erblicken, jedoch sollte man aufpassen, dass größer werdende Firmen nicht beginnen Kickstarter als bessere Vorverkaufsstelle auszunutzen, um Geld zu sparen.

 

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Roberto Giunta
Roberto studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien. In seiner Freizeit streift er durch die Untiefen seiner RSS-Feeds und Podcasts und schaut sich Serien bzw. Filme bevorzugt in Originalsprache an. Interessiert an allem was mit Technologie und Games zu tun hat.
Roberto Giunta

Roberto Giunta

Roberto studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien. In seiner Freizeit streift er durch die Untiefen seiner RSS-Feeds und Podcasts und schaut sich Serien bzw. Filme bevorzugt in Originalsprache an. Interessiert an allem was mit Technologie und Games zu tun hat.