Motorola ‘Moto X’: Neustart unter Google (und erstmal Amerika-only)

Motorola, bekannt geworden durch das hauchdünne Motorola RAZR aus dem Jahre 2004, wurde im Mai 2012 von Suchmaschinenriesen Google für 12,5 Milliarden Dollar übernommen. Seit dem ersten Tag der Übernahme fragten sich Journalisten, Analysten und Fans was Google mit Motorola – genau genommen Motorola Mobility – vor habe. Die Spekulationen waren – und sind – immer noch groß, ob es nun für Patente, Entwicklungserfahrung oder Hardwarewissen war.

Etwa 1 Jahr und 3 Monate später sehen wir die ersten Früchte, die Google und Motorola beginnen zu ernten. Einige Wochen bevor Motorola das Moto X vorstellte, präsentierte der amerikanische Provider die Verizon-exklusiven Smartphones Motorola Droid Mini, Ultra und Maxx. DIe Geräte haben im Grunde die gleiche Software-Ausstattung, lediglich in der Hardware unterscheiden sich die Geräte voneinander.

Während das Mini ein 4,3″ 720p-Display besitzt, haben das Ultra und Maxx ein 4,7″ großes Display, die Auflösung von 1280×720 bleibt gleich, benutzen aber keine virtuelle Buttons wie das Moto X . Alle Geräte laufen mit der Motorola X8-Computing-Plattform, haben 2GB RAM, 16 GB (Mini & Ultra) bzw. 32GB (Ultra Maxx) internen Speicher – ohne MicroSD-Karten-Support – und eine 10MP-Kamera mit Clearpixel-Technologie. Die Kamera soll durch einen weiteren, weißen Pixel  besonders gute Aufnahmen im Dunkeln machen. Das Moto X, Droid Mini- und Maxx-Varianten bieten zudem Wirelress Charging per Qi-Standard.

Im Vergleich zum Samsung Galaxy S4 oder HTC One wurde die eigentliche Bedienoberfläche kaum angerührt und sieht nahezu so aus wie die Android-Oberfläche eines Nexus-Gerätes. Einzig bei der Kamera-App und einige von Motorola eingebaute Features unterscheiden das Smartphone von der Software eines Nexus 4.


Mobile Computing-Plattform

MotoX8

Beim X8 handelt es sich nicht um einen Prozessor, sondern um eine sogenannte Computing-Plattform. Im Gegensatz zu bisherigen Systemen bei denen die Prozessoren für alle Bereiche verantwortlich waren, wird in diesem Falle die Arbeit aufgeteilt bzw. ganz von einem der anderen Prozessoren übernommen. Dies soll deutlich stromsparender sein als das die Nutzung der üblichen Architektur.

Der Akku selbst ist nicht austauschbar, dafür wurde der 3,8 Volt,  2200MAh Lithium-Ionen-Akku so konstruiert, dass er die volle Größe des Rückens ausnutzt. Laut Motorola soll das Moto X eine Akkulaufzeit von 24 Stunden bei “gemischter Nutzung” haben, genauere Angaben werden nicht gemacht. Diverse Reviews berichten aber durchaus von besserer Akkulaufzeit, nicht unbedingt von 24 Stunden, besonders bei intensiverer Nutzung, aber teils deutlich besser als die Highend-Kollegen von Samsung und HTC.

Die 8 Kerne teilen sich folgendermaßen auf:
2x CPU: Snapdragon S4 Pro (1.7GHz Dual Core)
4x GPU: Adreno 320-Grafikeinheit
2x niedrig getaktete Kerne (jeweils für ‘Contextual Awareness’ und ‘Natural Language’)

Die beiden Letzteren starten beispielsweise das immer verfügbare Google Now mit den Worten “Okay Google Now”. Ebenso übernehmen die beiden low-power Kerne die Steuerung der folgenden Features: “Active Display”, “Motorola Assist”, “Touchless Control” und “Quick Capture”.


Features

MotoXActiveDisplay

Motorolas Active Display ist ein Feature, welches nur in Verbindung mit einem LED-Display sein volles Potential entfaltet. Im Gegensatz zu einem normalen LCD-Display verbraucht das LED-Display bei der Anzeige von Schwarz nichts, da die LEDs einfach nicht aktiviert werden. Holt man das Gerät nun aus der Hosentasche, so zeigt es einem die Benachrichtigungen in weißer Schrift auf schwazen Grund an ohne dass der Power-Button betätigt werden muss. Somit wird nur ein geringer Teil des Displays wirklich angeschaltet und verbraucht dementsprechend fast keinen Strom.

Wird die Benachrichtigung auf dem Display angezeigt, wird beim gedrückt halten des Icons mehr Details eingeblendet. Ein Wischen nach oben öffnet die entsprechende App, nach unten wird das Gerät entsperrt, so wie man es von anderen Lockscreens kennt.

Da das Moto X mit Android 4.2 – Jellybean läuft, unterstützt es natürlich auch Lockscreen Widgets. Betätigt man den Power-Button, weckt man das Gerät auf und hat so Zugriff auf den normalen Stock-Lockscreen bzw. kann man auch das Active Display deaktivieren. Dort kann man wie gewohnt Lockscreen Widgets einstellen und benutzen.

MotoXMotoAssist

Motorola Assist ist eine weitere Besonderheit des Moto X. In der App kann man unter den Abschnitten “Driving”, “Meeting” und “Sleeping” einstellen, was das Smartphone in den Situationen machen soll.

Beim Autofahren (“Driving”) erkennt das Gerät automatisch, dass man in einem Auto sitzt, sodass einem Nachrichten vorgelesen bzw. mit der Stimme Anrufe angenommen werden können. Dies geschieht mit Hilfe der Sensoren bzw. den Prozessoren, die sich um die Sensoren kümmern. So kann erkannt werden,

Kalendereinträge, die zugleich den Status “Beschäftigt” eingetragen haben, triggern die Einstellungen in den “Meeting”-Optionen. Dort kann eingerichtet werden, ob das Smartphone komplett lautlos oder nur vibrieren soll, jedoch können auch Ausnahmen hinzugefügt werden. Bei  favorisierten Kontakten (oder beispielweise wichtige Geschäftspartner) würde man weiterhin benachrichtigt werden.

Ähnlich funktioniert die “Sleeping”-Option. Einmal die Uhrzeit eingestellt in der man nicht gestört werden möchte, können ebenfalls Favoriten bestimmt werden, bei denen das Telefon klingelt.

MotoX_TouchlessControlMit dabei ist natürlich auch Google Now. Durch einen der zusätzlichen Prozessoren läuft Googles Assistent jederzeit mit und kann mit den Worten “Okay Google Now” in jeder Situation (egal ob im Standby oder aktiv in der Hand) aufgeweckt werden. Motorola nennt diese Funktion Touchless Control.

Smartphone liegt auf dem Nachttisch und der Wecker muss noch gestellt werden? Per Sprachbefehl (In diesem Falle “Okay Google Now, weck mich um 7 Uhr morgens”) kann der Alarm gestellt werden ohne auch nur einen Handgriff zu tätigen.

Diese Variante von Google Now erinnert sehr an Google Glass. Ein entscheidender Unterschied zur Brillenversion ist aber, dass Touchless Control beim ersten Starten der App auf die eigene Stimme konfiguriert wird. Dazu begibt man sich in einem leisen Raum und muss in seinem üblichen Tonfall drei mal die Worte “Okay Google Now” wiederholen.

MotoXQuickCapture

Zu guter Letzt bietet einem die Kamera-Software, welche eine der wenigen von Motorola veränderten Apps ist, die Option die Kamera mit einer Geste zu starten, genannt Quick Capture.  Dabei ist es unwichtig, ob das Moto X noch im Standby ist oder nicht, mit der Geste kann sie überall aktiviert werden.

Durch ein schnelle Bewegung des Handgelenks – als würde man zwei Mal einen Türknauf drehen – wird der User sofort in die Kamera-App befördert. Mehrere Tester erwähnten, dass die Geste ein wenig “Hit & Miss” wäre, sprich es nicht immer funktioniert. Es hindert aber niemanden daran die Kamera auf klassische Art und Weise zu starten.


Anpassungsmöglichkeiten

Die Besonderheit des Moto X liegt nicht unbedingt in der technischen Ausstattung, sondern in der Anpassungsmöglichkeit der Hardware. Auf der Motorola-eigenen Seite https://www.motorola.com/motomaker kann der Kunde 4 Teile des Smartphones anpassen: Rücken (18 Farben), die Front (Schwarz oder Weiss), Akzente – der Ring um die Kamera sowie Power- und Volume-Buttons (7 Farben). Dadurch, dass das Gerät in den USA (genauer gesagt in Houston, Texas) zusammen gebaut wird, wird diese Anzahl von verschiedenen Gehäusefarben ermöglicht.

Ursprünglich war es auch möglich etwas auf den Rücken des Gerätes eingravieren zu lassen, Aufgrund von Problemen bei der Qualitätskontrolle wurde diese Option zur Markteinführung entfernt. Genau so ist schon länger bekannt, dass es auch diverse Holzvarianten als Auswahl im Motomaker geben soll.Ddiese fehlen zum Marktstart, sollen aber laut einem Leak von Androidpolice.com ca. 50 US-Dollar extra kosten. Alle Standardfarben, die derzeit verfügbar sind, können ohne Aufpreis ausgewählt werden.

Weitere Einstellungen sind die Bestimmung der Speichergröße (16 oder 32GB), ob man den eigenen Namen beim Einschalten des Gerätes sieht, eine Auswahl von 20 Hintergründen und ob man beim ersten Einschalten bereits in seinen Google-Account eingeloggt werden möchte. Als kleines Schmankerl gibt es mit jedem Moto X für zwei Jahre 50GB kostenlosen Google Drive-Speicherplatz dazu.


Assembled in the US – Deshalb nicht in Europa?

Man muss zugeben, dass Google bzw. Motorola mit Hilfe von Leaks und diversen exklusiven Events unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschafft haben einen weltweiten Hype unter Enthusiasten zu schaffen. Manche sagen sogar, dass sie übers Ziel hinaus geschossen sind.

Es stellte sich heraus, dass Motorola nicht plant das Moto X nach Europa zu bringen , nicht einmal in den Standard-Farben Schwarz und Weiss. Das zeigt, dass sich Motorola zu allererst auf den amerikanischen Markt konzentrieren wird. Es wurde bestätigt, dass Europa später eine Moto X-Variante bekommen würde, aber bis zum heutigen Tage noch keine Ankündigung gab, wann wir ein Moto X bekommen. Dabei bekräftigte Motorola, dass es sich bei dem Namen “Moto X” um eine Marke handelt, wie beispielweise bei Samsung das “Galaxy”.

Viele Nicht-Amerikanische Interessenten waren natürlich nicht begeistert von dieser Entscheidung und können nicht verstehen, wie man den Rest der Welt so ignorieren kann. Motorola – unter Googles Führung – ist jetzt ein amerikanischer Konzern, somit wird sich ein Fokus auf den amerikanischen Markt nicht verhindern lassen, auch wenn wir das nicht gerne sehen. Bei Google-Produkten sehen wir immer Verzögerungen bei Produkteinführungen in Europa, wie man jetzt wieder beim neuen Nexus 7 und dem Chromecast sehen kann. Ersteres kommt etwa einen Monat nach US-Release in den Handel, für das Chromecast gibt es noch keinen Termin.

Sollte Motorola die gleichen Anpassungsmöglichkeiten hier anbieten wollen, wie in den USA, müssten europäische Kunden entweder deutlich länger auf ihre Geräte warten oder ein europäischer Partner für den Zusammenbau der Geräte gefunden werden. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass wir später nur Standardvarianten bekommen und in die Röhre schauen, was weitere Farben angeht.

Neben den drei Verizon-exklusiven Motorola Droid-Geräten und dem Moto X, welches zu allen amerikanischen Netzanbietern kommen wird, wird ebenfalls eine freie Developer-Version mit 32GB Speicher zu kaufen sein. Diese wird sehr wahrscheinlich über den Google Play Store erhältlich sein, wie es bereits beim Samsung Galaxy S4 und HTC One der Fall ist, die in der Google Play Store-Edition eine nahezu pure Version von Android verwenden.


Und nun? Importieren, warten, vergessen?

Da liegt der Hund begraben. Im Moment haben Nicht-Amerikaner keine andere Möglichkeit als zu warten. Theoretisch könnte man sich das Gerät importieren, aber ob man das Risiko eingehen möchte sich später eventuell mit der Garantie rumzuschlagen, sollte man damit Probleme haben, ist eine andere Frage. Eine weitere Alternative wäre auf das nächste Nexus (Nexus 5?) zu warten, welches durchaus noch bis zum Ende des Jahres auf den Markt kommen könnte und mit einem günstigeren Preis, aber ohne Anpassungen, punkten wird.

Wie bereits im ersten Teil geschrieben, Motorola gehört nun zu Google und ist damit ein (Nord-)Amerikanischer Konzern, der zu allererst auf eigenem Grund und Boden operieren wird. Sollte sich herausstellen, dass Motorola in Europa deutlich erfolgreicher mit seinen Produkten ist als in Amerika, könnte eventuell eine Kehrtwende stattfinden, aber verlassen würde ich mich nicht darauf.

Ich würde mir hier von Motorola wünschen, dass wir ein vergleichbares Produkt zum Moto X bekommen, welches nicht abgespeckt wird und die Anpassungsmöglichkeiten beibehält. Denn wenn man realistisch ist, hier handelt es sich bereits um ein sehr gutes Midrange-Gerät mit klaren Alleinstellungsmerkmalen, die meiner Meinung nach den Status eines Flagship-Gerätes rechtfertigen.

In Amerika haben sie die drei Droids für Verizon und das Moto X für alle Netzbetreiber, also wäre es für Europa nicht zu viel verlangt zwei Geräte auf den Markt zu bringen: Ein Günstigeres bis maximal 300 Euro für günstige Vertragstarife bzw. Prepaid und ein Teureres, welches maximal 500 Euro kosten darf – aber auch nur, wenn wir die Möglichkeit bekommen die Geräte anzupassen.

Ich bin jedenfalls gespannt, was ‘Googlerola’ nach Europa bringt.

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Roberto Giunta
Roberto studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien. In seiner Freizeit streift er durch die Untiefen seiner RSS-Feeds und Podcasts und schaut sich Serien bzw. Filme bevorzugt in Originalsprache an. Interessiert an allem was mit Technologie und Games zu tun hat.
Roberto Giunta

Roberto Giunta

Roberto studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien. In seiner Freizeit streift er durch die Untiefen seiner RSS-Feeds und Podcasts und schaut sich Serien bzw. Filme bevorzugt in Originalsprache an. Interessiert an allem was mit Technologie und Games zu tun hat.